Gewitter im Kopf

Thomas Münzenberger

Hannah möchte für alle mit Fragen und/oder ähnlichen Erfahrungen unter dieser E-Mail-Adresse erreichbar sein: hannah-gewitterimkopf[at]gmx.ch

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Gewitter im Kopf – ich erinnere mich zurück an den Tag im Oktober 2018, als die damals 17-jährige Hannah zu mir in die Sprechstunde kam. Und ich schaue voraus, voraus in die Zukunft, die heute zu ihrer und meiner Vergangenheit geworden ist.

Mein Gehirn scheint ansatzweise das nachvollziehen zu wollen, was ihr Gehirn im Folgenden erleben wird. Unsortiert, flüchtig, nicht mehr greifbar, ein Aufblitzen von Gedanken hier und dort, unzusammenhängend. Kennengelernt hatte ich Hannah bereits im Frühjahr 2018, ein 17-jähriges Mädchen mit eher noch kindlicher Ausstrahlung, mit mandelförmigen, schmalen Augen, vollen Lippen, dunklem Teint. Sie war ganz der Teenager: einen Schmuckring durch einen Nasenflügel, etwas Akne im Gesicht und ein verschmitztes, verlegenes Lächeln.

Doch jetzt im Herbst blickte sie auffallend unsicher immer wieder nach links, zu ihrer Mutter, als würde ein Teil von ihr flehen: Sprich Du, ich weiss nicht, was sagen. Ihre Mutter wirkte besorgt und angespannt. Sie hatte ihre Tochter nach längerer Unterbrechung der vor einem halben Jahr begonnenen klassisch-homöopathischen Behandlung erneut per E-Mail bei mir angemeldet. Hannah fing dann schließlich doch an zu berichten, anfangs noch flüssig, im Verlauf des Gesprächs aber zunehmend schleppender und immer wieder unterbrochen von Pausen, in denen sie auf seltsame Weise abwesend wirkte, scheinbar immer wieder aufs Neue nach dem Faden suchend. Die Gedanken und Worte kamen nur noch stockend, bis sie schließlich – ratlos und müde – aufgab.

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Dem Termin vorausgegangen waren Telefonate mit der Mutter, in denen sie berichtete, es gehe ihrer Tochter nicht gut. Zuerst, sie habe Fieber, dann, es gehe ihr psychisch nicht gut, sie klage jeden Tag wiederholt bei ihr, sie weine viel, sie habe Angst vor der Arbeit.

Fast zeitgleich schilderte Hannah mir in einer E-Mail noch selbst ihre Probleme. Sie schrieb über immer größer werdende Konzentrationsschwierigkeiten, über schmerzhafte Rücken- und Nackenverspannungen. Berichtete vom Weinen am Abend und am Morgen, von Stimmungsschwankungen, zunehmender Unsicherheit und einem mangelnden Selbstwertgefühl. Sie erwähnte dann die Belastungen durch die oft auch psychisch kranken Patienten in der Klinik, in der sie gerade ihr zweites Lehrjahr begonnen hatte. Schilderte die übernommene Verantwortung, die ihr zu viel sei. Wie sie es immer allen Recht machen wolle. Erzählte von der Berufsschule, wo der Druck entsprechend groß sei. Erwähnte die Abhängigkeit von Zuhause, von der Mutter, der sie jeden Abend ihr Leid klagte und klagen musste, gar nicht anders konnte – meist unter Tränen. Sie schloss ihre E-Mail mit der Bemerkung, sie gehe dieses Wochenende mit der Tante, mit der sie gute Gespräche führen könne, zum Wellnessen, um sich zu erholen.

In der Praxis schilderte sie mir nun ihre immer weiter zunehmenden körperlichen, aber vor allem psychischen Beschwerden und stellte Vermutungen über deren Ursache an. Weder sie noch ich ahnten zu diesem Zeitpunkt, dass ihr Körper, ihr Immun- und Nervensystem schon längst angefangen hatten, „Nein“ zu sagen und sie ganz aus dem Spiel zu nehmen.

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Ich notierte anschließend an den Termin einige Überlegungen zur Differentialdiagnose, weil ich noch keine gesicherte Diagnose stellen konnte. Handelte es sich um eine Anpassungsstörung? Eine Diagnose, die das ICD-10, der Diagnosen-Katalog der WHO, vorschlägt, wenn ein Mensch mit nervösen, ängstlichen oder depressiven Beschwerden auf eine Anpassung an eine schwierige neue Lebenssituation reagiert? Oder lag gar eine Erschöpfungsdepression vor, eine Folge der überfordernden Arbeitssituation in der Krankenpflege?

Aber da war doch noch mehr! Da war etwas seltsam und auffallend. Dieses Abreißen der Gedanken im Gespräch mit mir. Diese stumme Ratlosigkeit darüber. Dieser abwesende Blick. Das hatte ich bis dahin nur – als noch junger Assistenzarzt der Psychiatrie – bei schwer depressiven Menschen gesehen. Ich erinnere mich, wie ich in diesem Moment auch an die Möglichkeit einer (hirn-) organischen Ursache dachte. Nur vorsichtig, vage, quasi im Hinterkopf, denn die klinisch-neurologische Untersuchung war unauffällig ausgefallen. Ihr Nervensystem schien – abgesehen von den psychischen Ausfällen – ungestört zu funktionieren. Ich verschrieb ein pflanzliches Antidepressivum und zwei verschiedene chemische Beruhigungsmittel, unter anderem ein Neuroleptikum, in Reserve. Arbeiten konnte sie so nicht mehr. Ich stellte ein Attest aus und besprach mit ihr, sie in einer Woche wieder zu sehen, zur ersten Sitzung einer Psychotherapie.

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Eine Woche später rief mich Hannahs Mutter in meiner Telefonsprechzeit an und berichtete, wie ihre Tochter morgens und nachmittags jeweils ein Tief habe, mit Unruhe und Angst reagiere. Wie sie sie mit den zwei Reservemitteln immer wieder versucht habe, zu beruhigen. Hannah höre innerlich Musik und frage sich, ob sie an Schizophrenie leide. Eine Frage, die ich mir inzwischen auch stellte. Ich telefonierte später an diesem Tag mit vier verschiedenen Kinder-Jugend-Psychiatrischen Kliniken, um nach einem freien Bett zu fragen. Jedes Mal erhielt ich die gleiche Auskunft: die Akutstationen seien voll, es gebe drei bis vier Wochen Wartezeit und einen Termin für ein Vorgespräch mit der Patientin sei erst in ein bis zwei Wochen möglich. Meiner zunehmenden Besorgnis folgend, fragte ich am selben Tag auch beim Kinder-Jugend-Psychiatrischen Dienst (KJPD) in unserer Kleinstadt an und bat um eine baldige fachärztliche Beurteilung meiner noch minderjährigen Patientin.

Ich erhielt die Auskunft, die Oberärztin sei nur noch bis morgen da, dann an einem Kongress, also solle die Patientin morgen in der Mittagszeit für eine kurze Erstbeurteilung kommen. Depression mit Panikattacken – das war die Einschätzung der Oberärztin des KJPD. Hannah solle ein chemisches Antidepressivum und Lorazepam, ein angstlösendes und beruhigendes Medikament bekommen. Das Neuroleptikum solle abgesetzt werden. Am Tag danach saß Hannah in meinem Psychotherapie-Zimmer, wirkte angespannt, konnte Fragen kaum beantworten und kleine Körperübungen nur gerade so noch ausführen. Ich ließ sie nach knapp sechzig Minuten gehen.

Am Montag danach, am Ende meiner Sprechstunde, kam der Anruf der Mutter und sie berichtete, wie das Wochenende mit Hannah verlaufen war: wechselhaft wie ein Aprilwetter, gewittrig, stürmisch, kaum zu bändigen. Schon am Freitag habe Hannah plötzlich die Überzeugung gehabt, ihre an Multipler Sklerose erkrankte Mutter würde jetzt sterben und man müsse den Rettungswagen rufen. Durch nichts sei sie von diesem Gedanken abzubringen und kaum zu beruhigen gewesen. Erst die Notlüge der Großmutter, man habe den Rettungswagen bestellt, habe Hannah etwas zu besänftigen vermocht.

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Die Mutter, selbst Krankenpflegerin, habe mit zunehmend häufigeren Gaben der von mir verschriebenen Beruhigungsmittel versucht, Schlimmeres zu verhindern. Sie habe jedoch am Samstag die Tochter zunehmend lethargisch vorgefunden. Diese war der Überzeugung, jetzt gleich sterben zu müssen, und habe sich verabschiedet und sich bei ihren Eltern für alles bedankt. Daraufhin habe die Mutter den hausärztlichen Notfallarzt zur Hilfe gerufen. Dieser habe keine Klinikeinweisung veranlasst, sondern stattdessen ein Sauerstoffmessgerät in Form eines Fingerclips zur Kreislaufüberwachung übergeben.

Im ersten Moment war ich verärgert, weil ich von dieser Verschlechterung der Situation erst am Montag erfuhr. Offenbar hatte die Mutter aber am Sonntag auch noch den KJPD-Notdienst angerufen, der hatte sie an den KJPD am Ort auf den Montag verwiesen, dort hatte sie aber niemanden erreicht, der sich zuständig fühlte und sie auf den Dienstag vertröstet. So habe sie den Tag mit der Betreuung von Hannah und mit vergeblichen Telefonaten verbracht. Nachmittags habe der neu hinzugezogene Mitarbeiter der Psychiatrie-Spitex dann erneut die Klinikeinweisung diskutiert, leider im Beisein von Hannah. Offenbar habe sich ihre Unruhe und Aufregung dadurch so gesteigert, dass Hannah den starken Drang gehabt habe, von daheim weg zu laufen und nur noch knapp von beiden Eltern zurückgehalten werden konnte.

Gemeinsam mit den Eltern entschieden wir, dass Hannah noch am selben Abend die Betreuung in einer Klinik brauchen würde. Ich legte auf und rief in der für Jugendliche zuständigen Psychiatrischen Klinik an. Die diensthabende Psychologin war neu und musste zweimal Rücksprache mit ihrer Oberärztin nehmen, die zuerst eine notfallmäßige Aufnahme verweigerte und endlich auf die zentrale Triagestelle in der Kantonshauptstadt verwies. Eine sehr verständnisvolle Ärztin hatte Dienst, hatte bereits am

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Sonntag Dienst gehabt und mit Hannahs Mutter telefoniert. Hannah müsse von ihr und ihrer Oberärztin zuerst in der vom Wohnort hundert Kilometer entfernten Triagestelle gesehen werden. Erst dann könne über einen möglichen Klinikeintritt entschieden werden. Sie werde die Eltern von Hannah selbst anrufen und mir im Laufe des Abends noch telefonisch eine Rückmeldung geben. Ich rief noch kurz die Eltern zurück, um ihnen dies mitzuteilen, schrieb eine kurze Zuweisung mit allen wichtigen Daten der jungen Patientin und versendete diese via geschütztes E-Mail an die Dienstärztin. Inzwischen war es nach 19 Uhr, Zeit, nach Hause zu fahren und etwas zu Essen. Um 23.30 Uhr kam dann noch eine SMS: Hannah sei nun auf dem Weg in die Klinik. Später erfuhr ich von Hannahs Mutter, wie sie um die Klinikeinweisung habe kämpfen müssen, zwar unterstützt von dieser jungen Dienstärztin, jedoch gegen die offenbar bagatellisierende Haltung der erfahrenen Oberärztin, die nur widerwillig einer Klinikeinweisung zugestimmt habe.

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Zwei Tage nach Hannahs Klinikeinweisung, so berichtete mir die Mutter einige Wochen später, wurde eine sogenannte Fürsorgerische Unterbringung (FU) verordnet, weil Hannah sich inzwischen stark psychotisch verhielt. Hier begann für Hannah die Zeit der fehlenden Erinnerungen. Mir als Hausarzt geriet Hannah für mindestens vier Wochen völlig aus dem Blickfeld. Nur gelegentlich hörte ich durch die Mutter, wie es um ihre Tochter stand. Selbst den Eltern wurde in den ersten vierzehn Tagen der Zugang zu ihrer Tochter beschränkt. Als die anfänglichen allabendlichen Telefonate der Tochter, die ihr Handy dafür immer ab 17 Uhr benutzen durfte, abbrachen und die Eltern sich nicht trauten, direkt beim Personal der psychiatrischen Station anzurufen, brach der Kontakt tagelang ganz ab. In diesen Tagen verschlimmerte sich die Psychose, unter der Hannah litt. Sie war körperlich sehr unruhig, tigerte auf der Station herum, kam mehrmals bereits vor dem Frühstück angezogen und mit Gepäck ins Stationsbüro, um die psychiatrische Klinik zu verlassen. In anderen Momenten schlug sie gegen die Fenster und schrie, dass alle zu Gott beten müssten. Einmal sei sie mit heruntergelassenen Hosen auf dem Gang erschienen und habe vor einer Zimmertüre gebetet. Um sie vor zu vielen Reizen und Einflüssen durch

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Mitpatient*innen abzuschirmen und ihre Intimsphäre besser schützen zu können, wurde sie ab diesem Moment im Isolierzimmer einzeln betreut. In den folgenden Tagen verschlechterte sich ihr Zustand weiter. Die körperliche Unruhe nahm zu, sie war in ihrem Bewegungsdrang nur noch schwer einzugrenzen und schlief kaum mehr. Ihr Verhalten war geprägt von religiösen Klischees und sexualisierten Äußerungen. Die Stimmung wechselte zwischen Aufregung, Angst und Unruhe einerseits und Rückzug, Stummheit und körperlicher Starre andererseits. Die Sprache wurde immer undeutlicher, das Schlucken fiel ihr schwerer und das Essen gelang immer weniger gut. Beim Laufen fing sie nun an, in ihrem linken Blickfeld befindliche Gegenstände zu übersehen und in diese hineinzulaufen. Bewegungsabläufe wurden immer wieder unterbrochen durch Phasen des „Einfrierens“, durch sogenannte stereotype, also musterartige Bewegungen und Körperhaltungen. In diesen Momenten war Hannah völlig desorientiert und kaum mehr ansprechbar. Phasen mit normaler Sprache und angemessener Reaktionen wechselten mit diesen Phasen des Abtauchens in die dunkle Nacht der Psychose, in denen kaum ein Kontakt zu Hannah möglich war. Die Psychiatrie nennt diese körperliche Starre Katatonie, ein Syndrom, das entweder Ausdruck einer Schizophrenie sein kann oder Folge der sogenannten Neuroleptika, der Medikamente, die seit rund siebzig Jahren zur Therapie der Psychosen eingesetzt werden.

Die Mutter erinnerte sich in einem späteren Gespräch an die Station in der Kinderjugendpsychiatrischen Klinik. Alle dort hätten sich sehr Mühe gegeben, immer viel Zeit am Telefon genommen und sich bei Besuchen um sie gesorgt. Besuche seien nur am Wochenende möglich gewesen. Später, als sie Eltern und Geschwister nicht mehr erkannte, wurde die Besuchszeit sogar auf nur zehn Minuten begrenzt. Hannah entwickelte sich nun zusehends zurück auf das Niveau eines Kleinkindes, sie verlernte das Essen, das Führen des Bestecks, das Kauen und Schlucken, verlernte das Sprechen, konnte sich nicht mehr selbst pflegen, nicht mehr waschen, nicht mehr auf die Toilette gehen, begann wieder in die Hose zu machen, musste beim Laufen geführt und gestützt werden. Im Isolierzimmer lag nun zum Schlafen nur noch

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eine Matratze am Boden. Es traten Krämpfe der Zunge und der Kau- und Kiefermuskulatur auf, ja sogar der Muskeln im Hals, die beim Schlucken benötigt und als «Schlundkrämpfe» bezeichnet werden. Für Hannahs Mutter seien die andauernden Schlundkrämpfe eines der traumatisierendsten Erlebnisse der Erkrankung ihrer Tochter gewesen. Sie habe es zweimal miterleben müssen, wie Hannah ihren Mund nicht mehr habe schließen können. Es sei fast nicht vorstellbar, dass man den Mund so weit aufreißen könne, wie ein Löwe beim Gähnen, dabei das schmerzverzerrte Gesicht, die vor Schmerzen weit aufgerissenen Augen. Hannah erinnere sich zum Glück selbst nicht daran.

Aus dem ebenfalls involvierten Kinderspital musste nun täglich Intensivpflegepersonal kommen, um Hannah mittels Magensonde zu ernähren. Die Sonde musste jedes Mal neu gelegt werden, denn Hannah zog sich diese immer wieder aus der Nase. Die Magensonde wurde jeweils durch einen Nasengang und durch den Rachen bis in die Speiseröhre und den Magen gelegt, eine unangenehme Sache. Da Hannahs Zustand nun trotz diverser medikamentöser Therapien immer bedrohlicher wurde, hatte man Hannah inzwischen als «ultima ratio» zur Elektrokrampftherapie (EKT) angemeldet, eine Therapie, bei der in Kurznarkose mittels Stromstöße die Hirnfunktion so verändert werden soll, dass die psychiatrischen Erkrankungen (meist schwere Depressionen, oder auch Schizophrenien) sich nach und nach bessern. Eines Nachts Ende November begann Hannah mehr und mehr Schleim hochzuhusten und zunehmend schlechter Luft zu bekommen. Die am Finger gemessene Sauerstoffsättigung war schließlich so niedrig, dass der Rettungsdienst gerufen werden musste. Offenbar hatte sie Magensekret oder Nahrung in die Atemwege bekommen und sie hatte sich dadurch eine Lungenentzündung, eine sogenannte Aspirationspneumonie, zugezogen.

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Ich sitze mit Hannah und ihrer Mutter in der Küche ihres Hauses. Später wird auch noch der Vater zu uns stoßen. Hannah ist inzwischen wieder daheim und hat den stationären Aufenthalt in der Psychiatrie, dann in der Intensivstation der Kinderklinik und die neurologische Rehabilitation hinter sich gebracht.

Hannahs Mutter erinnert sich im Gespräch, wie in dieser einen Nacht Ende November gegen 1 Uhr der Anruf aus der psychiatrischen Klinik kam, erinnert sich, wie die zuständige Psychiatrie-Pflegefachfrau ihr auf die Combox sprach: Hannah gehe es nicht gut, sie sei sehr verschleimt und recht zyanotisch („blau“) gewesen und man habe den Rettungsdienst rufen und sie ins nahegelegene Spital auf die Intensivstation verlegen müssen. Während ihre Mutter – als sie diese seit damals gespeicherte Nachricht abspielt – als Ausdruck für den Kloß, den sie nun wieder im Hals verspürt, eine Faust macht, ist Hannah aufmerksam und betroffen zugleich. Sie hört diese gespeicherte Combox-Nachricht zum ersten Mal. Eine Nachricht über eine Hannah, an die sie keinerlei Erinnerung hat. Ihre Mutter schildert, wie sie morgens beim Abhören dieser Nachricht nur noch ihren Kopf kraftlos auf den Küchentisch gelegt und laut geweint habe. Sie habe in diesem Moment völlig den Boden unter den Füßen verloren. Als gelernte Krankenpflegerin mit langjähriger Erfahrung in der Neuro-Rehabilitation habe sie sich gefragt, wie lange Hannah in diesem Zustand wohl allein im Isolierzimmer war und wie schnell man sie gefunden und medizinisch behandelt habe. Sie sei besorgt gewesen, dass Hannah wegen eines Sauerstoffmangels einen Hirnschaden erlitten haben könnte. Man habe bei Hannah in dieser Zeit alle 20-30 Minuten Kontrollgänge gemacht und wenn Hannah geschlafen habe, nur am Fensterchen des Isolierzimmers kontrolliert. Wenn aber das Atmen zum Problem würde, seien 20 Minuten eine lange Zeit! Sie entsinnt sich, wie die Pflegenden sonst am Telefon immer probiert hätten, das Positive zu betonen. Aber diesmal habe sie die langsame und zittrige Stimme am Telefon gehört und begriffen, dass es nicht harmlos sei und dass offenbar alle am Anschlag seien.

Als Hannahs Mutter schon mit dem Autoschlüssel in der Hand das Treppenhaus runter ging, um zu Hannah auf die Intensivstation ins Spital zu fahren, klingelte erneut das Telefon. Die leitende Ärztin der Psychiatrischen Klinik teilte mit, dass der neurologischen Ärztin vom Kinderspital nun – acht Wochen nach Erkrankungsbeginn und zwei Wochen nach der Lumbalpunktion – das Ergebnis der letzten Laboruntersuchung vorliege und man nun wisse, was mit Hannah nicht stimme. Es sei keine psychische, sondern eine hirnorganische Erkrankung, die behandelbar sei. Man könne ihr helfen und die Prognose sei gut.

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Die behandelnde Kinder-Neurologin berichtete mir später in einem Telefonat, sie habe Hannah zweimal im Abstand von einer Woche gesehen und sich schon beim ersten Mal diverse Differentialdiagnosen überlegt und unter anderem an ein malignes Neuroleptika-Syndrom gedacht, das durch die gegen die Psychose eingesetzten Medikamente (Neuroleptika, Antipsychotika) verursacht wird und Symptome wie bei einer Parkinson-Erkrankung hervorrufen kann. Im behandelnden Team habe man auch bereits von Beginn an überlegt, ob es ein autoimmunes Geschehen sein könne. Letztlich habe man bei Hannah durch eine Untersuchung des Hirnwassers eine sogenannte NMDA-Rezeptor-Enzephalitis, also eine körpereigene Entzündungsreaktion gegen bestimmte Zellstrukturen im Gehirn, diagnostizieren können. Die NMDAR-Enzephalitis ist eine seltene Autoimmunerkrankung, bei der das Immunsystem Antikörper gegen N-Methyl-D-Aspartat-Rezeptoren im Gehirn bildet. Dies führt zu einer Vielzahl von neuropsychiatrischen Symptomen, darunter Verwirrung, Psychosen, epileptische Anfälle, Bewegungsstörungen und Koma bis hin zum Tod. Die Therapie umfasst in der Regel die Immunsuppression mit Medikamenten wie Kortikosteroiden, intravenösen Immunglobulinen (IVIG), Krebsmedikamenten (z.B. Rituximab), einer Plasmapherse (Blutwäsche) und bei Bedarf Antiepileptika und Antipsychotika.

Autoimmune Gehirnentzündungen seien bei Erwachsenen wesentlich häufiger als bei Kindern und Jugendlichen, darum seien Neurologen für Erwachsene damit besser vertraut und eine primäre Zuweisung dorthin hätte möglicherweise schneller zur Diagnosestellung geführt. In fünfzig Prozent der Fälle sei die Magnetresonanz-Tomographie (MRI) des Gehirns unauffällig, was die Diagnosestellung ebenfalls erschweren könne. Es gebe auch nur wenige Veröffentlichungen, meist nur Einzelfallberichte. In diesem Zusammenhang sei das Buch der amerikanischen an NMDAR-Enzephalitis erkrankten Reporterin der New York Post Susannah Cahalan «Brain on Fire: My Month of Madness» aufgetaucht und von Hannahs Mutter und später auch Hannah selbst gelesen worden. Abschließend betonte Hannahs Neurologin, die schnelle Erholung von Hannah unter der nach Diagnosestellung eingeleiteten Therapie mit Kortison und intravenösen Immunglobulinen (Antikörper) sei das eigentliche Wunder gewesen. Es gäbe Fälle, wo diese Erkrankung zum Tode führe.

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Hannah erzählt in der Küche, wie sie später Susannah Cahalan per Instagram kontaktiert und sich sehr gefreut habe, dass diese auch geantwortet habe. An einer Wand im Hintergrund bemerke ich ein Bild mit Gräsern und während ich das Summen des Kühlschranks registriere, fällt mein Blick auf den Heizkörper, der sich die Wand hoch erstreckt, voller Magneten, die Familienfotos und Postkarten fixieren. Hannahs Mutter zeigt mir gerade auf ihrem Handy ein selbstgemachtes Video von Hannah am Tag der Liquor-Punktion im Kinderspital beim Essen. Abgemagert, mit blassem, fast grauem, ausdruckslosem Gesicht und starrem Blick, wie sie Hilfe beim Führen des Bestecks braucht. Seit diesem Zeitpunkt habe Hannah kaum mehr geredet, habe nichts mehr alleine machen können. Die Mutter habe Hannah in der Klinik an der Hand genommen und in den Gängen herumgeführt, so als wenn sie selbst dort Pflegekraft sei. Zwei Wochen habe sie damals nicht mehr geredet, das erste Wort Anfang Dezember im Kinderspital sei «Burger» gewesen und als die Mutter dies verneint habe, habe sie mit «Arschloch» geantwortet.

Hannahs Mutter habe die Tochter täglich auf der Intensivstation besuchen können. Als gelernte und im Beruf tätige Krankenpflegerin wollte sie mit Hannah sowas wie eine Früh-Reha machen, Hannah im Bett waschen und bewegen und sie möglichst viel mit einbeziehen. Sie habe auch gefordert, dass die Physiotherapie mit ihr ein straffes Übungsprogramm durchführe. Es sei dann tatsächlich schnell gegangen, dass Hannah auf der Station herumgelaufen sei. Dann sei die Zeit der epileptischen Anfälle gekommen. Hannahs Mutter sagt, sie sei jetzt noch ärgerlich, weil man trotz der Einwände der besorgten Mutter innerhalb  von nur fünf Tagen 40 mg Valium «ausgeschlichen» und auf Null reduziert habe, das sei einfach zu schnell gewesen. Hannah hatte Valium in der Psychiatrie zur Beruhigung erhalten. Valium wird aber neben der sedierenden und angstlösenden Wirkung auch zur Behandlung und Unterdrückung von epileptischen Anfällen verwendet. Mit diesem Wissen habe sie Angst vor dem Valium-Entzug bei Hannah gehabt und musste dann tatsächlich den ersten epileptischen Anfall bei ihr miterleben. Hannah habe fernsehen wollen, habe herumgezappt und sei ungeduldig und mit keinem Sender zufrieden gewesen. Dabei sei es zum ersten Anfall gekommen, der vom Pflegepersonal der Kinderklinik adäquat behandelt worden sei. Nachts habe es nochmals einen kleinen Anfall gegeben.

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Am Tag darauf seien Hannahs Geschwister mit einer Tante gekommen, um Hannah zu besuchen. Hannah habe sich gefreut, habe gelächelt und dann aber zehn  Minuten später einen 40 Minuten andauernden heftigen Anfall gehabt.

Hannah ist diese ganze Geschichte, die ihre Mutter mir gerade berichtet, fremd. Sie kann sich an nichts erinnern. Es sei für sie, wie wenn man ihr eine Geschichte aus einem Buch erzähle, und es tue ihr nur leid für ihre Eltern, dass sie das alles hätten durchmachen müssen.

Seither hat sich Hannah trotz Rückschlägen gut erholt, hat ein Praktikum und eine Ausbildung zur Kleinkindbetreuerin in einer Spielgruppe absolviert, arbeitet dort (neben ihrer Invalidenrente) im kleinen Teilzeit-Pensum und führt ein selbstständiges Leben. Darüber sind Hannah und ihre Eltern dankbar und glücklich. Ihnen ist es ein großes Anliegen, dass Hannahs Geschichte erzählt wird, denn ihr Überleben habe sie unter anderem dem Buch von Susannah Cahalan zu verdanken, durch das die Erkrankung auch in der Fachwelt bekannter geworden sei.

Dies war nur ein Auszug aus »Gewitter im Kopf«. Den kompletten Text findet ihr hier.